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30.10.2014
Offener Brief  an den Diakonie Präsidenten

Betreff: Interview bei „ Altenheim live“ am 9. September 2014

Sehr geehrter Herr Lilie!
Im Interview  bei "Altenheim live" haben Sie sich den Fragen zum Thema Pflege gestellt. Ihre Antworten haben mich irritiert und lassen für mich viele Fragen offen.

Ihre Aussage:
Wenn es der Wahrheitsfindung dient, lege ich mich gerne mit den Pflegenden auf den Boden. Was meinen Sie mit der Wahrheitsfindung?

Sie sprechen davon:
1) dass die Bedingungen in der Pflege unzureichend sind und die Pflege unterfinanziert ist

2) dass die Bezahlung für die Pflegenden unangemessen ist

3) dass Pflege den Bedürfnissen gerecht  werden muss, besonders ein deutlicher Ausbau der Palliativmedizin.

Für diese Aufgaben haben Sie aber "zu wenig Mittel und deshalb zu wenig Möglichkeiten" -  so Ihre Aussage.
Sie  würden  sich aber gerne mit dieser Argumentation ebenfalls mit den Pflegekräften auf den Boden legen.

Genau  diese  Argumente  sind auch die Argumente der Pflegekräfte.
Warum legen Sie sich denn nicht neben den Pflegenden auf den Boden?
Auch die Aktivitäten von Herrn Rieger gehen mit Ihrer Argumentation in die gleiche Richtung.

Warum sprechen Sie in diesem Zusammenhang von einer "pauschalen Skandalisierung und vom plakativen Agieren", was nicht ansatzweise der Wirklichkeit entspricht?
Der Heimleiter Armin Rieger ist ein Mensch mit Zivilcourage und handelt im christlichen Sinne.
Sie schildern aus den Zeiten als Leitung und Ihren Besuchen in den Pflegeeinrichtungen aber wiederum ein schönes und zufriedenstellendes Bild von der Pflege.

Stehen Sie hier nicht im Widerspruch zu Punkt 1 - 3?
Sie sprechen davon, dass es unter diesen schwierigen Bedingungen modellhaft ist, was da realisiert wird. Was ist daran modellhaft?
Auf der anderen Seite sprechen Sie aber über Ihre Aktivitäten und vom Rettungspaket Pflege. Auch seien Sie an vielen Orten der Republik anwaltlich unterwegs.

Den Fragen nach dem erzielten Gewinn gehen Sie teilweise aus dem Weg.
Sie bestätigen, dass sich die Gewinne flächendeckend im Rahmen halten.
Die Qualität der Pflege und die Qualität des Pflegepersonals liegen Ihnen aber sehr am Herzen.
Deshalb kann ich Ihre Aussagen zu den Pflegesatzverhandlungen als einflussreiches Sozialunternehmen nicht nachvollziehen.
Sie sprechen davon, dass man bei den Pflegesatzverhandlungen zum Teil nicht mehr rausholen könnte.  Gleichzeitig sagen Sie aber indirekt: "Wenn wir mehr verlangen, sind wir zu teuer und nicht mehr wettbewerbsfähig und müssten Heime schließen."

Sehr geehrter Herr Lilie !
Wollen Sie wirklich bessere Bedingungen in der Pflege?
Wollen Sie wirklich eine menschenwürdige Pflege? Oder ist die Vermutung von Herr Rieger richtig, dass sich die Diakonie als großer Trägerverband mit der Situation arrangiert hat?

Hat sich die Diakonie  als  kirchliche, christliche, moralische und ethische Instanz dem freien Markt in der Pflege ergeben? Hat die Diakonie sich eventuell von ihrem Leitbild,  der "Anwalt der Schwachen zu sein", verabschiedet?

Nein, Herr Lilie, so einfach können Sie es sich nicht machen.
Die Diakonie ist neben der Caritas, AWO, DRK, Parität und Zwist in der freien Wohlfahrtspflege und mitverantwortlich für die derzeitige menschenunwürdige Pflege.Die Diakonie ist  laut SGB XI §75 (Rahmenvertrag)  mit den genannten Verbänden in der Pflegeselbstverwaltung.

Die Diakonie ist in den Bundesländern mitverantwortlich für Alles, was in den einzelnen Rahmenverträgen ausgehandelt und festgelegt wurde.
Dieser - von allen Verbänden unterschriebene Rahmenvertrag mit dem 4-seitigen Leistungskatalog- ist für alle Pflegeeinrichtungen verbindlich.

Die Pflegeeinrichtungen haben bzgl. der Pflegesatzverhandlungen kaum noch Spielraum. Die Pflegeeinrichtungen sind also gezwungen, sich mit dem abzufinden, was deren Trägerverbände in der Pflegeselbstverwaltung in den Bundesländern ausgehandelt haben.
Der ausgehandelte  Personalschlüssel ist für die Einrichtungen und ihre Aufgaben laut Leistungskatalog aber  völlig unzureichend !

Qualität und menschenwürdige Pflege  müssen bei diesen  Rahmenbedingungen auf der Strecke bleiben und sind so nicht möglich.
Auch für die realitätsfernen Pflegenoten sind die Trägerverbände mitverantwortlich, denn Sie legen die Kriterien fest und schaffen damit die Grundlage für die unrealistischen Benotungen.

Sehr geehrter Herr Lilie,  wissen Sie:

  • dass in einem Pflegeheim in Deutschland eine Pflegekraft ca.12 hilfs- und pflegebedürftige Menschen versorgen muss?
  • dass pro Schicht  eine Pflegekraft - nach Abzug aller Nebentätigkeiten -
    nur ca. 25 Minuten Zeit hat, um einen Hilfs- und Pflegebedürftigen zu versorgen?
  • dass in der Nacht eine Pflegekraft für ca. 50-60  hilfs- und pflegebedürftige Menschen verantwortlich ist?
  • dass für die Nahrungsaufnahme - drei Haupt- und zwei Zwischenmahlzeiten - ca.12 Minuten Zeit zur Verfügung stehen?
  • dass für das An - und Auskleiden ca. 8 Minuten Zeit zur Verfügung stehen?
  • dass für das Sterben an der Hand des Pflegepersonals gar keine Zeit vorhanden ist?

Quelle: Pflegebedarf und Leistungsstruktur in vollstationären Pflegeeinrichtungen (Seite 65) Institut für Pflege Wissenschaft an der Universität Bielefeld, Projektleitung: Prof. Dr. Doris Schaeffler, Klaus Wingenfeld

Ist das ein menschenwürdiges Leben und Sterben?
Würden Sie so gepflegt werden und sterben wollen?
Bitte stellen Sie Ihre Macht und Ihren Einfluss in der Diakonie nicht unter den Scheffel!
Nehmen Sie Ihren Auftrag und Ihre Verpflichtung laut SGB XI § 75 für eine menschenwürdige Pflege ernst! Verhandeln Sie als Trägerverband  Diakonie in den Bundesländern einen angemessenen, menschenwürdigen Personalschlüssel.

Streiten und kämpfen Sie gemeinsam mit dem Pflegepersonal und den Heimleitungen für eine menschenwürdige Pflege! Diskutieren Sie in und mit der Gesellschaft über den Menschenwert und die Menschenwürde  Hilfs- und Pflegebedürftiger, denn:
Wir sind verantwortlich für das, was wir tun, aber auch für das, was wir nicht tun.

Für Ihre Rückmeldung unter Beantwortung meiner Fragen möchte ich mich schon jetzt bedanken.
Im  Sinne eines menschenwürdigen Lebens und Sterbens verbleibe ich mit freundlichen Grüßen                                             
Werner Kollmitz
Internet und Öffentlichkeitsarbeit

Wir sind verantwortlich für das, was wir tun, aber auch für das, was wir nicht tun. (Jean Moliere)

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