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Artikel vom 20.02.2013
Die unerträgliche Pflegesituation in den Altenpflegeheimen

Die Saarländische Pflegegesellschaft hat im April 2009 eine Vollerhebung in ihren Altenpflegeheimen durchgeführt. Beteiligt waren 55 Altenpflegeheime mit 1853 pflegebedürftigen Menschen.

Das Ergebnis dieser Erhebung ergab eine Bruttopflegezeit von 83 Minuten pro pflegebedürftigem Menschen in 24 Stunden. Die nicht bewohnerbezogenen Tätigkeiten betrugen davon 33% gleich 27 Minuten. Diese 27 Minuten bzw 33% haben sich in letzten 4 Jahren weiter erhöht. Heute kann man von 37% gleich 31 Minuten für die nicht bewohnerbezogenen Tätigkeiten ausgehen. Für die eigentliche Pflege verbleiben also noch 52 Minuten pro pflegebedürftigem Menschen in 24 Stunden.

Weitere identische Studien:
NRW STUDIE: Pflegebedarf und Leistungsstruktur in vollstationären Pflegeeinrichtungen.
PLAISIR STUDIE:Analyse und Transfer des Verfahrens PLAISIR (Auftraggeber BMFSFJ)
Siehe auch meinen Brief an die Ministerpräsidenten.
Ich bin im Besitz, einer nicht veröffentlichten Studie. Diese Studie geht noch weiter ins Detail.

Dort heißt es zum Beispiel: Grundpflege beinhaltet:

  • Körperpflege
  • Betten lagern
  • Stoffwechsel, prophylaktische, Maßnahmen incl.Mobilisation
    Minuten je Bewohner und Tag: 27 Minuten
  • Hilfe bei Bewegung (an und ausziehen)
    Minuten je Bewohner und Tag: 7 Minuten
  • Speisenversorgung (3 Haupt sowie 2 Zwischenmahlzeiten)
    Minuten je Bewohner und Tag: 12 Minuten
  • Betreuung der Bewohner
    Minuten je Bewohner und Tag: 7 Minuten

Behandlungspflege

  • Medikamente und Spritzen
    Minuten je Bewohner und Tag: 3 Minuten
  • Visiten
    Minuten je Bewohner und Tag: 1 Minuten
  • Dekubitus, Verbandswechsel, ein Reibung, Katheter und sonstige Behandlungspflege
    Minuten je Bewohner und Tag: 3 Minuten

Zu den nicht bewohnerbezogenen Tätigkeiten zählen:

  • Alles dokumentieren, was gemacht wurde
  • Auffälligkeiten und Probleme beim Bewohner müssen eingetragen werden
  • Telefonate mit den Angehörigen
  • Gespräche mit den Ärzten und eventuell Krankenhäusern
  • Besprechungen, Übergaben, Dienstpläne
  • Schülerinnen und Schüler müssen vom Pflegepersonal angeleitet werden
  • Neue Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen müssen eingearbeitet werden
  • Lange dienstliche Laufwege

Die bittere, alltägliche Realität:

  • Frühdienst: Eine Pflegekraft muss 12 pflegebedürftige Menschen versorgen.
    In 25 Minuten pro Bewohner muss alles erledigt werden.
  • Spätdienst: Eine Pflegekraft muss 15 pflegebedürftige Menschen versorgen.
    In 20 Minuten pro Bewohner muss alles erledigt werden.
  • Nachtdienst: Eine Pflegekraft muss 50 pflegebedürftige Menschen versorgen.
    In 7 Minuten pro Bewohner muss alles erledigt werden.

Welche Tätigkeiten in dieser kurzen Zeit durchgeführt werden müssen, sehen Sie im Leistungskatalog gemäß SGB XI §75. Die Präambel dieses Paragraphen spricht von einem menschenwürdigen Leben. Aber wie soll das gehen? Die Tätigkeiten aus dem Leistungskatalog des SGB XI §75 kann in dieser Zeit kein Mensch schaffen, das weiß Jeder, der zu Hause einen Angehörigen pflegt. Diese Pflegezeiten für die schwerstpflegebedürftigen alten Menschen der Stufe 3 betragen ein Fünftel bzw. ein Viertel von dem, was in §15 SGB XI vorgesehen ist. Für einen schwerstpflegebedürftigen alten Menschen in Pflegestufe 3 sind das 4 Stunden für die Grundpflege, insgesamt aber 5 Stunden.

Das sind die Auswirkungen:

  • Total überfordertes Pflegepersonal
  • Die pflegebedürftigen Menschen können nicht ausreichend versorgt werden
  • Die Angehörigen müssen alles hilflos mit ansehen und leiden

Die Folgeauswirkung für die schwerstpflegebedürftigen Menschen:

  • Austrocknung wegen fehlender Flüssigkeit
  • Mangelernährung, nicht bei allen Bewohnern “satt und sauber”
  • Dekubitus (Wundliegen)
  • Pflegefehler mit ihren Auswirkungen durch gestresstes und zu wenig Personal
  • keine Zeit für die Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen
  • keine aktivierende Pflege
  • Gewalt durch Überforderung

Auswirkungen auf die Mitarbeiter:

  • Sie können ihre Aufgaben nicht schaffen
  • Völlige Überforderung
  • Hoher Krankenstand
  • Starker Personalwechsel
  • Pflegefehler durch zu hohes Arbeitstempo
  • Gewalt durch Dauerstress
  • Überstunden/Zusatzdienste
  • 8-12 Tage am Stück arbeiten, oft noch mehr
  • 3 Wochenenden hintereinander arbeiten oder gar mehr sind keine Seltenheit

Es liegen also genügend Erkenntnisse über die Menschenunwürdige Pflege vor!
Umgesetzt wird davor aber nur sehr, sehr wenig und die Verantwortlichen lassen die Betroffenen allein.

Die Angehörigen bekommen dies alles hautnah mit. Sie mögen sich aber nicht beschweren, da sie Nachteile befürchten. Auch sie sind die Leidtragenden in dem System Pflege. Die pflegebedürftigen alten Menschen und das Pflegepersonal sind abhängig und haben keine Chance, sich zu wehren. Diese unerträgliche Situation ist den Heimträgern, Heimleitungen und Pflegedienstleitungen bekannt.

Aber die Leitungen sind abhängig von den Kostenträgern, die nicht mehr Geld zahlen wollen. Auch der Heimaufsicht und dem MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) sind diese unzulänglichen Zustände bekannt. Aber Jeder schweigt, Niemand unternimmt etwas. Besonders die Aufsichten (Heimaufsicht/MDK) haben da eine höchst verantwortungsvolle Aufgabe.

Die Heimaufsicht ist aber eine Behörde in der Behörde Sozialhilfeträger. Sie ist zugleich der Kostenträger und somit Geldgeber. Bei mehr Personalanforderung würden ja die Sozialhilfekosten steigen. Ähnlich ist es mit dem medizinischen Dienst. Er ist eine Behörde der Pflegekassen, die dann höhere Pflegekosten bezahlen müssten. Beide, die Heimaufsicht sowie der medizinische Dienst, wissen also alles über diese unerträgliche Situation. Das würde aber eine Beitragserhöhung der Pflegeversicherung bedeuten.

Die Aufsichten (Heimaufsicht/MDK) wissen auch genau, dass das Pflegepersonal diese Aufgaben in der kurzen Zeit gar nicht bewältigen kann und total überfordert ist. Die Aufsichten wissen auch ganz genau, dass alle Tätigkeiten, die gemacht werden müssten, aber vom Pflegepersonal nicht geschafft werden können, in die Dokumentationsakte eingetragen werden müssen. Das Personal ist also gezwungen, Tätigkeiten in die Dokumentationsakte einzutragen, die sie gar nicht gemacht haben. Denn die Dokumentation muss lückenlos und ordentlich geführt werden, weil der MDK das so fordert.

Würde das Pflegepersonal nur die Tätigkeiten dokumentieren, die tatsächlich am pflegebedürftigen alten Menschen ausgeführt wurden, bekäme das Heim eine schlechte Note. So kommt es zu den guten Heimnoten, die zwischen “gut” und “sehr gut” liegen. Ein Teufelskreis, und noch eine zusätzliche seelische Belastung für das Pflegepersonal. Das Pflegepersonal muss ohnehin schon Schicht -und Wochenenddienst leisten. Es bekommt eine viel zu geringe Vergütung und genießt kaum Wertschätzung.

Dazu kommt noch die körperliche, sehr schwere und gesundheitsbelastende Tätigkeit. Durch den Schichtdienst leidet das Privatleben und somit die sozialen Kontakte. Das Pflegepersonal geht ständig mit einem unzufriedenen und schlechten Gefühl nach Hause, mit dem Wissen, dass die Arbeit nicht geschafft wurde. Und dann auch noch das eintragen zu müssen, was man gar nicht gemacht hat und auch nicht schaffen konnte. Eine unglaublich schwere Konfliktsituation für das Pflegepersonal.

Dieser Teufelskreis, das Leiden der schwerstpflegebedürftigen alten Menschen, des Pflegepersonals und der Angehörigen muss durchbrochen werden. Das Schweigen der Aufsichtsbehörden muss ein Ende haben. Und die Verantwortlichen müssen endlich handeln. Diese Tatsachen kann und darf niemand mehr verdrängen und verleugnen. Es darf einfach nicht länger darüber geschwiegen werden. Es muss dringend gehandelt werden.

Wir brauchen schnellstens eine Diskussion über Menschenwerte und Menschenwürde, denn die ca 850.000 Menschen in den Altenpflegeheimen, das Pflegepersonal und die Angehörigen leiden und können nicht länger warten. Die demographische Entwicklung und somit die älter werdende Gesellschaft schreitet unaufhaltsam voran. Viele Menschen in unserer Gesellschaft, die sich mit dem Thema Pflege auseinandersetzen, haben große Ängste vor der Versorgung im Alter. Besser Verdienende können es sich leisten, zusätzliche Pflege einzukaufen, bis zu einer 24 Stunden-Rundumpflege.

Es geht um die Menschenwürde der schwerstpflegebedürftig alten Menschen, aber auch des Pflegepersonals und der Angehörigen. Es sind Menschen, bei denen die Rente und die Pflegeversicherung (Teilkasko) nicht ausreicht und die Betroffenen auf Sozialhilfe und ein kleines Taschengeld angewiesen sind. Es sind Menschen, die Deutschland wieder aufgebaut haben, jetzt zu Sozialhilfeempfängern werden und zusätzlich am Ende ihres Lebens noch so leiden müssen.

Was ist mit unseren Gesetzen? (Grundgesetz, SGB, Heimgesetz). Warum haben wir die „Charta der Rechte  Hilfe-und pflegebedürftiger Menschen“? Diese Pflegecharta wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zum Wohle der schwerstpflegebedürftigen alten Menschen herausgegeben. Bislang ist aber noch nichts in dieser Richtung umgesetzt worden. Es kann und darf nicht länger nur beschriebenes Papier bleiben. Die Menschenwerte und Menschenwürde, die immer wieder in dieser Charta und in den Gesetzen betont werden, müssen angegangen werden.

Alle in dieser Gesellschaft sind gefordert, denn jeden Menschen kann von heute auf morgen das Schicksal treffen. Sei es durch einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt, einen Unfall, Multiple Sklerose (MS) oder eine Parkinson-Krankheit.
 Wenn dann die Pflege zu Hause nicht mehr möglich ist, ist der letzte Ausweg das Pflegeheim.

Wir dürfen nicht länger hinschauen, denn in der Pflege kocht es nicht nur, sondern es brodelt bald über. Wir dürfen nicht länger zulassen, dass die letzten Fachkräfte weiter leiden und verheizt werden und dass auch die pflegebedürftigen alten Menschen sowie die Angehörigen weiter leiden. Die demographische Entwicklung lässt sich nicht aufhalten. Für die Zukunft brauchen wir Fachkräfte,  viel mehr als es heute sind.

Werner Kollnitz

Wir sind verantwortlich für das, was wir tun, aber auch für das, was wir nicht tun. (Jean Moliere)

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