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19.08.2015 | Wümme Zeitung
Mangel an Pflege-Fackkräften
“Da ist richtig Druck auf dem Kessel”

Von Michael Wilke 19.08.2015

„Es wird immer schlimmer“, stöhnt Helmut Mensen. Vor 17 Jahren hat er den Pflegedienst Lilienthal gegründet, sechs Jahre später übernahm er das Seniorenpflegeheim Haus am Markt. „Der Fachkräftemangel ist extrem“, klagt Mensen.

„Wir werden unsere Kunden nicht mehr versorgen können.“ Mangels Personal müssten Pflegedienste schon heute Hilfsbedürftige abweisen. Die Lücken sollen durch Pflegekräfte aus dem Ausland geschlossen werden. Zusammen mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) wirbt die Bundesagentur für Arbeit qualifiziertes Personal in Serbien, Bosnien-Herzegowina und den Philippinen an. „Die Idee ist gut“, findet Mensen.

„Triple Win“ heißt das Projekt. Im Internet finden Krankenhäuser, Seniorenheime und Pflegedienste nähere Informationen auf der Homepage www.triple-win-pflegekraefte.de. Dagmar Froelich, Leiterin der Agentur für Arbeit in Stade, berichtet von mehr als 70 offenen Stellen allein in der Krankenpflege im Agenturbezirk, der bis Cuxhaven reicht. Es könne Monate dauern, bis freie Stellen wieder besetzt würden.

„Triple Win“ rekrutiert in Serbien, Bosnien-Herzegowina und den Philippinen Krankenschwestern und Altenpfleger, die in ihren Ländern sprachlich und fachlich auf den Dienst in Deutschland vorbereitet werden. In den Partnerländern seien viele Fachkräfte arbeitslos, betont die Arbeitsagentur. So profitierten alle von „Triple-Win“: Pflegeeinrichtungen, ausländische Fachkräfte und die Herkunftsländer – da sinke die Arbeitslosigkeit.
Morgen kommt Murat?

Alles gut für alle? Kerstin Matthias hat da ihre Zweifel. „In großen Städten mag das funktionieren. Da gibt es mehr Multi-Kulti, da sind die Leute gelassener“, sagt die Leiterin des ambulanten Pflegedienstes Häusliche Krankenpflege Grasberg / Lilienthal. „Aber in unserer ländlichen Umgebung mit Bauernhöfen, auf denen alte Leute Plattdeutsch sprechen? Erzählen Sie mal einem 80-Jährigen: Morgen kommt Murat. Die Vorurteile bestehen doch. Alte Leute hören nicht mehr gut, sie verstehen nicht, machen dicht und sind bockig.“

Kerstin Matthias spricht aus Erfahrung. Ein halbes Jahr habe es gedauert, bis zwei Krankenschwestern aus Polen und Russland akzeptiert worden seien. „Beide sind tolle Schwestern, aber das ist schon eine hohe Belastung, dieses Gefühl: Die wollen mich nicht“, sagt die Pflegedienstleiterin.

Pflege-Entwicklungsland
Das Kernproblem liegt in ihren Augen woanders: „In der Pflege ist Deutschland ein Entwicklungsland.“ Andere Länder in Skandinavien und Osteuropa seien weit voraus. „Wir bilden nicht genug aus“, kritisiert Kerstin Matthias. Wenn Pflegeberufe besser bezahlt würden und mehr Wertschätzung genössen, würden sich auch mehr Menschen dafür interessieren.
Das sieht Helmut Mensen ebenso. „Die Kassen müssten die Pflegesätze um 20 Prozent anheben, nicht um lächerliche 1,8 Prozent.“ 40 Euro Bruttovergütung pro Stunde gebe es für ambulante Pflegedienste. „Dafür geht kein Handwerker mehr los.“ Belastend sei die „Überbürokratisierung“ mit Dokumentationen: „Wenn Sie für ein Gespräch zehn Zettel ausfüllen müssen, fehlt die Zeit für die Arbeit am Menschen.“

Gute Erfahrungen gemacht
Im Gegensatz zu Kerstin Matthias sieht Mensen, der neben seinem Pflegedienst mit 97 Vollzeit- und Teilzeitkräften ein Seniorenheim mit 48 Mitarbeitern betreibt, keine Alternative zum Einsatz ausländischer Kräfte. Ohne sie müssten die Pflegeeinrichtungen „in Zukunft noch mehr Menschen absagen“, warnt Mensen. Er nennt das Beispiel einer Patientin, die sich nach einer schweren Operation zu Hause erholen wollte, aber im Krankenhaus bleiben musste, weil alle Pflegedienste ausgebucht waren. „Ich hab’ überall rumtelefoniert im Ostkreis, in Horn, in Borgfeld – nichts“, sagt Mensen. Solche Fälle häuften sich. Mit ausländischen Pflegern hat der Unternehmer „sehr gute Erfahrungen“ gemacht. Die Fachkräfte aus Russland und der Ukraine seien hoch qualifiziert und sehr engagiert.

Auch Klaus Vagt, Leiter des Kreiskrankenhauses, sieht im Fachkräftemangel ein großes Problem, „das am Ende die Patientenversorgung bedrohen könnte. Wir sind noch in der glücklichen Lage, dass wir die meisten Stellen sofort wiederbesetzen können, weil wir selbst ausbilden.“ Das machten andere Krankenhäuser nicht. „Da ist die Not viel größer“, weiß Vagt. „Da ist richtig Druck auf dem Kessel.“ Es sei der richtige Weg, Kräfte aus dem Ausland zu holen. Die Klinik Lilienthal spürt nach den Worten von Artemed-Geschäftsführer Benjamin Behar wenig vom Fachkräftemangel. „Der Wachstumskurs macht uns für qualifiziertes Personal attraktiv“, erklärt er. Auch die Nähe zu Bremen spiele eine Rolle, ebenso der zufriedene, motivierte Mitarbeiterstamm. Es gebe wenig Fluktuation.

„Klar spüren wir den Mangel an Fachkräften“, sagt Hans Mencke, Geschäftsführer des ambulanten Pflegedienstes Evangelische Dienste Lilienthal. Arbeitskräfte aus dem Ausland wären für Mencke durchaus interessant: „Wir sind darauf angewiesen, dass sich was bewegt auf dem Arbeitsmarkt. Momentan wirbt der eine dem anderen Pflegekräfte ab.“ Ein Verdrängungswettbewerb sei das. „Wir bilden selber aus und werben dafür, dass die Leute bleiben“, erklärt Mencke. „In der Regel gelingt das. Aber an der einen oder anderen Stelle fehlt natürlich schon eine Fachkraft.“

Quelle: Weser Kurier Bremen/Wümme Zeitung vom 19.08.2015

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